Die Flamme des Sonnenkreises
Kapitel 1 - Der rote Horizont
Das Gras hörte am vierten Tag auf.
Kael bemerkte es erst, als sein Fuß auf trockener Erde aufsetzte, wo am Morgen noch Wiese gewesen war. Er blieb stehen. Hinter ihnen, im Norden, lagen die Hügel, über die sie seit den Nebelmarken gewandert waren — grün, sanft, vertraut. Vor ihnen begann etwas anderes. Der Boden war heller, rissig, und die wenigen Büsche trugen Blätter, die sich einrollten, als versuchten sie, der Hitze so wenig Fläche wie möglich zu bieten.
Es war wärmer geworden. Die Hitze saß in den Stiefeln, in den Handflächen, hinter den Augen. Eine trockene, drückende Wärme, die nicht aus der Luft zu kommen schien, sondern aus dem Boden selbst. Und er spürte noch etwas.
Die Ströme hatten sich verändert.
In den Nebelmarken waren sie silbern und chaotisch gewesen, Zeitfäden, die in alle Richtungen zugleich flossen. Auf den Hügeln danach waren sie ruhiger geworden — goldene Linien, die gleichmäßig nach Südwesten liefen, dem Ignis-Stein entgegen. Jetzt, an der Grenze zur trockenen Erde, nahmen sie einen rötlichen Schimmer an, als glühten sie von innen. Sie flossen schneller. In den Nebelmarken hatte Kael ihnen mit den Augen folgen können, wie man einen Fluss beobachtete. Hier schossen sie durch den Boden und durch die Luft, mit einer Geschwindigkeit, die ihn an die Energiewelle im Krater erinnerte.
Der Ignis-Stein war noch weit entfernt. Aber sein Einfluss begann hier.
Edrin hatte sich auf einen Felsbrocken am Rand des alten Weges gesetzt und trank aus dem Wasserschlauch. Der alte Gelehrte wirkte müde — er wirkte seit den Nebelmarken müde, und die Hitze machte es schlimmer. Aber seine Augen waren wach. Als Kael stehen blieb und auf den Boden blickte, bemerkte Edrin es sofort.
„Die Grenze", sagte er. „Der Einflussbereich des Ignis-Steins. Ab hier wird es mit jedem Schritt heißer."
„Wie viel heißer?"
Edrin lächelte dünn. Kein fröhliches Lächeln. „Heiß genug, um dich daran zu erinnern, dass die Solarsteine keine freundlichen Objekte sind."
Lyra stand voraus auf einem Felsvorsprung und blickte nach Süden. Sie hatte den Umhang abgelegt — zum ersten Mal, seit Kael sie kannte. Die dunkle Lederkleidung darunter war für Kälte und Schatten gemacht, für die Schattenberge. Nicht für die brennende Ebene vor ihnen.
„Dort", sagte sie.
Kael trat neben sie und folgte ihrem Blick.
Am Horizont lag ein roter Schein. Kein Sonnenuntergang — dafür stand die Sonne zu hoch und zu weit westlich. Es war ein eigenes Licht, ein Glühen, das aus der Erde zu kommen schien und den Himmel darüber verfärbte. Ein schmaler Streifen am Rand der Welt, der brannte, ohne zu verbrennen.
Solareth.
Etwas in Kaels Brust antwortete. Die Verbindungen, die seit dem Krater und dem Chrona-Stein in ihm lebten, reagierten auf das ferne Feuer. Der silberne Faden zum Chrona-Stein, der sich hinter ihm in die Nebelmarken erstreckte, war kühl und geduldig. Die Verbindung zum Fragment im Norden war warm und unruhig. Doch was aus Solareth kam, war heißer als beides. Es zog an ihm — drängend, fordernd, mit einer Ungeduld, die der Chrona-Stein nie gehabt hatte.
Der Ignis-Stein wollte nicht warten. Er wollte jetzt.
„Spürst du es?", fragte Edrin hinter ihm.
„Ja." Kaels Stimme war rauer, als er erwartet hatte. „Er ist anders."
„Der Chrona-Stein bewahrt. Er ist passiv. Der Ignis-Stein brennt. Er ist —"
„Hungrig", sagte Kael.
Edrin schwieg einen Moment. Dann nickte er langsam. „Das ist ein gutes Wort dafür."
Sie gingen weiter. Die Handelsroute nach Süden war hier staubiger, die Rillen der Wagenräder tiefer in den trockenen Boden gegraben. Wenige Reisende waren unterwegs. Wer ihnen begegnete, trug leichte Kleidung und Tücher um den Kopf, warf den drei Fremden aus dem Norden kurze Blicke zu — neugierig, aber nicht feindlich. Reisende waren auf dieser Straße nichts Ungewöhnliches.
Kael nutzte die Stunden zum Üben.
Seit den Nebelmarken versuchte er, die Ströme bewusster zu lesen. Anfangs war es gewesen, als wolle er einen Fluss mit den Händen greifen. Er konnte Richtung und Farbe erkennen, konnte sehen, wo ein Faden schneller oder langsamer floss, doch sobald er sich auf einen einzelnen Strom konzentrierte, rutschte er ihm davon. Die Ströme gehorchten keiner Anweisung. Sie flossen, wohin sie wollten, und alles, was Kael tun konnte, war zuzusehen.
Hier, im Einflussbereich des Ignis-Steins, änderte sich das.
Die Ströme waren stärker. Deutlicher. Jeder Faden hatte eine Richtung und eine Geschwindigkeit, die Kael ablesen konnte, wenn er sich konzentrierte. Er begann Unterschiede zu erkennen, die ihm vorher entgangen waren. Manche liefen an der Oberfläche — dünne, schnelle Linien, die das Sonnenlicht trugen und sich mit dem Wind bewegten. Andere zogen tief im Boden entlang, breiter und langsamer, folgten Flussbetten, Gesteinsadern und den alten Leitungen der Maschine.
Manche flossen durch ihn hindurch.
Das war neu.
In den Nebelmarken hatte Kael die Ströme um sich herum gespürt — als Druck, als Ziehen, als Vibration. Jetzt, im stärkeren Feld des Ignis-Steins, merkte er, dass einige von ihnen ihn nicht umgingen. Sie traten an den Handflächen ein, an der Brust, hinter den Augen, und verließen ihn an einer anderen Stelle. Er war kein Hindernis für sie. Er war ein Leiter.
Die Erkenntnis traf ihn wie kaltes Wasser. Kein Kartograph. Ein Leiter. Sein Körper war Teil des Netzes, durch das die Energie der Solarsteine floss, ob er es wollte oder nicht. Die Ströme fragten nicht um Erlaubnis.
Er versuchte, einen von ihnen festzuhalten.
Es war, als wolle er eine Flamme in der Faust schließen. Die Energie schoss durch seine Hand, heiß und schnell, und für einen Moment spürte er alles gleichzeitig — den Ignis-Stein im Süden, brennend und drängend; den Chrona-Stein im Norden, kühl und geduldig; das Fragment, warm und einsam. Das Netz des Sonnenkreises lag unter ihm, über ihm, in ihm. Er stand mittendrin.
Dann schoss ein Schmerz durch seinen Arm, scharf und heiß, und er ließ los.
„Kael." Lyras Stimme war nah. Wachsam. „Deine Hand."
Er sah hinunter. Seine rechte Handfläche war gerötet — nicht verbrannt, aber heiß, als hätte er sie zu lange über eine Flamme gehalten. Die Rötung verblasste bereits, doch der Schmerz blieb, ein dumpfes Pochen, das bis in den Unterarm zog.
„Ich habe versucht, einen Strom zu halten", sagte er.
„Und?"
„Es hat funktioniert. Für ungefähr eine Sekunde."
Edrin nahm Kaels Hand, drehte sie und betrachtete die Rötung. Sein Blick war analytisch, kühl, als lese er Symptome statt Haut.
„Energieverbrennung", sagte er. „Leicht. Dein Körper hat mehr Energie durchgelassen, als deine Haut aushalten konnte." Er ließ die Hand los. „Das wird schlimmer, je näher wir dem Ignis-Stein kommen. Er ist aggressiver als der Chrona-Stein. Seine Ströme gleiten nicht durch dich hindurch. Sie drücken sich durch."
„Wie lerne ich, das zu kontrollieren?"
„Indem du aufhörst, es kontrollieren zu wollen."
Kael sah ihn an. „Das ist das zweite Mal, dass du mir sagst, ich soll aufhören zu kontrollieren."
„Beim Chrona-Stein musstest du zuhören. Der Chrona-Stein ist ein Gedächtnis. Er will gelesen werden." Edrin blickte nach Süden, dorthin, wo der rote Schein am Horizont lag. „Der Ignis-Stein ist eine Flamme. Du kannst eine Flamme nicht greifen. Aber du kannst lernen, dich nicht gegen sie zu stemmen."
„Wie?"
Edrin zögerte. Nicht, weil er die Antwort zurückhielt. Weil er wusste, dass sie unvollständig war.
„Hingabe", sagte er schließlich. „Nicht Unterwerfung. Nicht Aufgabe. Aber Öffnung. Die Ströme verbrennen dich, weil du sie aufhältst. Wenn du sie durchlässt — ganz, ohne Widerstand —, können sie fließen, ohne sich in dir zu stauen."
„Oder ich verbrenne von innen."
„Ja." Edrin sagte es ohne Beschönigung. „Das ist möglich."
Lyra verschränkte die Arme. Sie hatte zugehört, ohne sich einzumischen.
„Vielleicht", sagte sie, „üben wir das nicht auf offener Straße."
Sie hatte recht. Kael schloss die gerötete Hand zur Faust. Der Schmerz war dumpf, aber real, und ein Teil von ihm war froh darüber. Schmerz bedeutete Grenze. Er bedeutete, dass sein Körper noch nicht einfach von den Strömen durchquert wurde wie Luft. Er war noch aus Fleisch.
Noch.
Die Stunden vergingen. Die Sonne wanderte über den Himmel, und der rote Schein am Horizont wurde stärker. Nicht viel — aber genug, dass Kael ihn jetzt auch wahrnahm, wenn er nicht direkt hinsah. Er hing dort, am Rand der Welt, ein Versprechen oder eine Warnung.
Am Abend machten sie Lager abseits der Straße, in einer Senke zwischen zwei Felsformationen. Lyra erlaubte ein Feuer. Hier, im offenen Land, war Rauch weniger auffällig als im Wald, und die Nächte wurden kalt, sobald die Sonne unterging. Die Hitze des Ignis-Steins erreichte den Boden, aber nicht die Luft.
Kael saß am Feuer und betrachtete seine Hand. Die Rötung war verschwunden, doch die Spur des Stroms blieb — eine feine Linie von der Handfläche zum Handgelenk. Eine Leitung. Sein Körper hatte sie dort gebaut, wo die Energie geflossen war. Wenn er sich vorsichtig konzentrierte, ohne zu greifen, konnte er fühlen, dass sie noch offen war.
Bereit für den nächsten Versuch.
Der Gedanke machte ihm Angst. Nicht der Schmerz. Nicht einmal die Hitze. Sondern die Vorstellung, dass sein Körper sich veränderte, ohne ihn zu fragen. Dass die Leitungen wuchsen, Stück für Stück, mit jedem Stein, den er berührte, mit jedem Strom, der durch ihn floss. Dass er am Ende kein Kartograph mehr sein würde, der Ströme sah, sondern ein Teil der Maschine, durch den sie gingen.
Er griff in den Beutel und berührte die Karte seines Vaters. Das Pergament unter seinen Fingern. Die vertrauten Falten. Die Ecken, die weich geworden waren vom Tragen. Er hielt sich daran fest, als könne Papier ihn daran erinnern, wer er war, bevor die Ströme kamen.
Edrin saß gegenüber und schrieb bei Feuerschein in sein Notizbuch. Seit den Nebelmarken schrieb er viel — Notizen, Skizzen, Verbindungen zwischen den Inschriften und Kaels Berichten über die Ströme. Es war seine Art, die Welt zu ordnen, so wie Kael Karten zeichnete. Nur dass Edrins Karten keine Orte zeigten, sondern Zusammenhänge.
Kael beobachtete seine Hände. Der Stift lief schnell über das Papier, sicher, mit der Energie eines Geistes, der schneller arbeitete als der Körper, der ihn trug. Edrins Augen leuchteten im Feuerschein. Die Müdigkeit war noch da — in den Schultern, im Atem, in der Art, wie er den Rücken gegen den Felsen lehnte, als brauche er die Stütze. Aber der Stift lief. Solange der Stift lief, war Edrin lebendig.
„Edrin", sagte Kael. „In Solareth. Die Akademie. Werden sie uns helfen?"
Der alte Gelehrte hörte auf zu schreiben. Sein Stift blieb über dem Papier stehen, und einen Moment lang sah es aus, als formuliere er eine Antwort und verwerfe jede ehrliche Version davon.
„Die Akademie ist die älteste Gelehrteninstitution des Kontinents", sagte er. „Die größte Bibliothek, die umfangreichsten Archive, die klügsten Köpfe." Er legte den Stift hin. „Sie hat auch die Angewohnheit, Dinge zu wissen und so zu tun, als wüsste sie sie nicht."
„Du wurdest dort ausgebildet."
„Ja. Dann wurde ich hinausgeworfen, weil ich die falschen Fragen stellte."
„Welche Fragen?"
„Dieselben, die wir jetzt beantworten. Was der Sonnenbruch wirklich war. Was die Solarsteine wirklich sind." Edrin nahm den Stift wieder auf und drehte ihn zwischen den Fingern. „Die Akademie hat Archive, die seit Jahrhunderten verschlossen sind. Texte, die niemand lesen darf. Weil sie unbequem sind. Weil sie die Geschichte erzählen, vor der die Akademie die Augen verschließt."
„Kommen wir an diese Archive?"
„Ich kenne jemanden, der einen Schlüssel hat."
Lyra saß am Rand des Feuerscheins, dort, wo das Licht in den Schatten überging. Ihr Gesicht war halb beleuchtet, halb verborgen. Ihre Hände lagen an den Klingen — locker, bereit, die Finger leicht gespreizt. Immer bereit. Kael fragte sich, ob sie je vergaß, wo die Klingen lagen. Ob es einen Moment gab, in dem ihre Hände einfach an den Seiten hingen, entspannt, ohne die Erinnerung an Metall.
„Vertrauenswürdig?", fragte sie.
„Kompetent", sagte Edrin. „Das ist mehr wert."
Lyra schwieg. Ihr Blick ging in die Dunkelheit, dorthin, wo die Straße nach Süden führte. Lyra maß Wege nicht als Entfernungen. Sie maß sie als Gefahren.
Sie war stiller in den letzten Tagen. Nicht die Stille, die Kael an ihr gewohnt war — wachsam, ruhig, lesend. Diese Stille war anders. Angespannter. Als höre sie etwas, das die anderen nicht hörten. Kael fragte nicht. Er hatte gelernt, dass man Lyra nicht fragte. Man wartete. Manchmal, wenn die Nacht still genug war und die Gefahr weit genug entfernt, sagte sie etwas von sich aus.
Heute Nacht nicht.
Er legte sich hin und blickte zum Himmel. Die Sterne waren da — klar, hell, vertraut. Aber am südlichen Rand, dort, wo sie auf den Horizont trafen, lag der rote Schein. In der Dunkelheit leuchtete er wie ein zweiter Sonnenuntergang, der nie endete.
Kael schloss die Augen. Die Ströme flossen durch ihn — leise, warm, drängend. Sie hörten nicht auf. Er versuchte, sie auszublenden, so wie man den Lärm einer Straße ausblendet, wenn man einschlafen will. Es gelang nicht. Die neue Leitung in seiner Hand summte fein und unaufhörlich, als hätte jemand ein Instrument in seine Brust gelegt, das nie aufhörte zu spielen.
Der Ignis-Stein rief. Gleichmäßig, beharrlich, seit tausend Jahren. Er hatte keine Geduld für jemanden, der noch lernte.
Kael öffnete die Augen und sah den roten Horizont. Dann schloss er sie wieder.
Schlaf fand er nicht sofort. Erst als das Feuer heruntergebrannt war, Lyras Atem gleichmäßiger wurde und Edrins Stift aufhörte, über Papier zu kratzen, glitt er hinüber — unruhig, warm, durchzogen von roten Strömen, die ihn nach Süden zogen.
Kapitel 2 - Gerüchte auf der Straße
Die Handelsstraße war breiter, als Kael erwartet hatte.
Keine schmalen Wege wie in Arkend, keine ausgefahrenen Pfade zwischen Feldern, auf denen zwei Karren gerade aneinander vorbeikamen. Die Straße nach Solareth war gepflastert. Große, flache Steine, fugendicht verlegt, mit Rinnen an den Seiten für Regenwasser, das hier selten fiel. Die Steine waren heiß unter den Füßen und von Tausenden Wagenrädern glatt geschliffen.
Eine Straße, gebaut für ein Imperium.
Und sie war voll.
Kael hatte seit Arkend keine Menschenmenge mehr gesehen. Die Nebelmarken waren leer gewesen, die Hügel danach einsam. Hier war es anders. Die Straße trug einen stetigen Strom aus Händlern, Karren, Reitern und Fußgängern — Menschen in beide Richtungen, mit Waren, Tieren, Stimmen, Staub. Der Geruch von Schweiß und gebratenem Fleisch hing in der Luft. Rufe überlagerten sich mit Verhandlungen, Gelächter, knarrenden Rädern und dem Schnauben von Pferden.
Es war überwältigend. Nicht wegen der Menge allein.
Wegen der Ströme.
Kael sah sie überall. Jeder Mensch, jedes Tier, jeder Karren bewegte sich durch ein Netz aus goldenen Fäden, unsichtbar für alle außer ihm. Sie flossen zwischen den Menschen hindurch, über die Straße, durch den Boden. Sie reagierten auf Bewegung — zitterten, wenn ein schwerer Wagen vorbeifuhr, bogen sich, wenn ein Pferd ausschlug oder ein Kind zwischen zwei Ständen hindurchrannte. Eine zweite Welt lag über der ersten, eine Welt aus Energie und Verbindung, die sich mit der sichtbaren überlagerte, ohne sie zu verdrängen.
In Arkend hatte er die Ströme nur auf seinen Karten gesehen. Dann im Krater, in den Nebelmarken, auf den stillen Hügeln. Hier, auf einer belebten Handelsstraße, begriff er zum ersten Mal, wie allgegenwärtig sie waren.
Überall. In allem. In jedem.
Die Erkenntnis drückte auf seine Brust. In Arkend hatte er geglaubt, die Ströme gehörten zu den Steinen, zu besonderen Orten, zu den Rändern der Welt. Doch sie gehörten überallhin. Die ganze Welt war von ihnen durchzogen, und nur Kael konnte sie sehen. Das bedeutete, dass er nie wieder eine Straße betreten würde, ohne die goldenen Fäden zwischen den Menschen zu sehen.
Die Welt hatte sich nicht verändert.
Sein Blick hatte sich verändert.
Das war schlimmer.
„Du starrst", sagte Lyra neben ihm.
„Ich sehe Dinge."
„Das tust du immer." Sie blickte nicht zu ihm, sondern über die Straße. „Aber hier sehen dich Dinge zurück. Hör auf zu starren."
Sie hatte recht. Kael senkte den Blick und ging weiter, ein Reisender unter vielen, mit einem alten Gelehrten und einer jungen Frau in abgetragener Lederkleidung. Nichts Auffälliges. Nichts, das die Blicke der Soldaten anziehen sollte, die an einer Kreuzung standen und jeden musterten.
Die Soldaten trugen Rüstungen, die Kael nicht kannte. Kein glattes Metall, kein polierter Stahl — ihre Brustpanzer hatten eine matte, rötliche Oberfläche, die im Sonnenlicht glühte statt glänzte. Feuerverstärkter Stahl. Das Metall, das nur in Solareth geschmiedet werden konnte, in der Hitze des Ignis-Steins. Jeder Soldat trug ein Schwert und einen kurzen Speer, auf den Schultern ein Symbol: zwei gekreuzte Linien auf rotem Grund.
Die Sonnenwacht.
Lyra hatte sie gesehen, bevor Kael sie bemerkte. Ihre Schritte hatten sich verändert — nicht langsamer, nicht schneller, nur unauffälliger. Sie ging, als hätte sie nichts zu verbergen. Genau das verbarg alles.
Sie passierten die Soldaten ohne Zwischenfall. Eine kurze Musterung, routiniert, ohne besonderes Interesse. Erst als sie einige Schritte weiter waren, merkte Kael, dass er die Luft angehalten hatte.
„Grenzposten", sagte Edrin leise, sobald sie außer Hörweite waren. „Ab hier gilt das Recht der Sonnenwacht. Wir sind in ihrem Territorium."
Die Straße führte zu einer Raststätte — einem flachen Gebäude aus dem rötlichen Stein, der hier überall verbaut wurde, mit einem offenen Hof, in dem Reisende ihre Pferde tränkten und sich unter einem Sonnensegel ausruhten. Die Hitze hing zwischen den Mauern, dichter als auf der offenen Straße. Der Boden strahlte Wärme ab, als glühe Kohle unter den Pflastersteinen. Die Ströme hier waren enger, dichter, zusammengedrängt von den vielen Körpern und dem Metall der Karren und Waffen. Ein Händler verkaufte Wasser und Brot. Ein anderer bot Tücher an. Der Hof war halb voll, die Gespräche laut genug, um sie im Vorbeigehen aufzufangen.
Edrin kaufte Brot und Wasser und setzte sich an einen Tisch in der Ecke. Kael und Lyra nahmen neben ihm Platz. Lyra mit dem Rücken zur Wand, Kael mit dem Gesicht zur Straße.
Edrin riss das Brot auseinander und legte die Stücke zwischen sie.
„Zuhören", sagte er, leise genug, dass nur sie es hörten. „Die Straße weiß Dinge, die Gelehrte nicht wissen."
Kael hörte zu.
Am Nachbartisch saßen drei Händler — sonnenverbrannte Gesichter, staubige Kleider, Bierkrüge in den Händen. Sie sprachen lauter, als ihnen bewusst war. Kael brauchte einige Minuten, um den Rhythmus aufzunehmen: schnell, in dem singenden Dialekt des Südens, mit Abkürzungen und Flüchen, die er nicht kannte.
Aber er verstand genug.
„— aus den Schattenbergen, sagen sie. Die Festung ist leer."
„Unsinn. Die Nachtklingen lassen ihre Festung nicht leer stehen."
„Sage ich ja nicht. Ich sage, der Stein ist weg. Nicht die Festung. Der Stein."
Stille am Nachbartisch. Dann, leiser: „Welcher Stein?"
„Der dort. Ihr wisst schon. Der Schwere."
Lyra neben Kael hatte aufgehört zu kauen.
Ihr Gesicht blieb reglos, die Augen auf das Brot gerichtet. Aber Kael sah ihre Kiefermuskeln — angespannt, hart, eine dünne Linie unter der Haut. Ihre Hände lagen auf dem Tisch, flach, die Finger gespreizt. Zu flach. Zu kontrolliert.
Der Gravitas-Stein. Der Stein der Nachtklingen. Lyras Orden.
Der zweite Händler sprach weiter. „Gestohlen, sagen sie. Mitten aus der Festung. Niemand weiß, wie. Niemand weiß, von wem."
„Die Sonnenwacht sagt, es waren die Lichtpriester."
„Die Lichtpriester sagen, es war Valcor."
„Valcor sagt gar nichts. Der Mann redet nie."
„Eben. Wenn einer nichts sagt, hat er was zu verbergen."
„Oder er wartet, bis die anderen sich gegenseitig beschuldigen, und sammelt dann die Reste ein."
Gelächter. Unangenehm, nervös. Menschen, die über etwas lachten, das sie nicht verstanden und das ihnen Angst machte.
Ein dritter Händler mischte sich ein — älter, mit einem Bart bis zur Brust und Augen, die klüger waren, als seine Kleidung vermuten ließ.
„Ist doch egal, wer es war. Wichtig ist, was es bedeutet. Seit tausend Jahren bewachen die Orden ihre Steine. Niemand rührt sie an. Niemand traut sich. Jetzt ist einer weg." Er nahm einen langen Schluck Bier. „Wisst ihr, was das heißt? Die Regeln haben sich geändert. Wenn einer einen Stein stehlen kann, kann es jeder. Und wenn jeder es kann —"
„— will es auch jeder", beendete der erste Händler den Satz.
Stille.
Kael blickte zu Edrin. Der alte Gelehrte aß sein Brot mit einer Gelassenheit, die Kael mittlerweile kannte — die Ruhe eines Geistes, der drei Ebenen tiefer dachte als seine Hände arbeiteten. Edrins Augen verrieten nichts. Erst als die Händler das Thema wechselten und über Weizenpreise sprachen, beugte er sich zu Kael und Lyra.
„Der Gravitas-Stein", sagte er. Kaum hörbar. „Aus Nocturn."
Lyra antwortete nicht. Sie aß ihr Brot, trank ihr Wasser, stand auf.
„Ich gehe mich umsehen."
Kael sah ihr nach, wie sie zwischen den Tischen hindurchging, den Hof verließ und auf der Straße verschwand. Ihre Schritte waren gleichmäßig. Ihre Schultern gerade. Nichts verriet, was in ihr vorging.
Nichts außer der Tatsache, dass sie gegangen war.
Lyra ging, wenn sie nicht bleiben konnte. Wenn die Kontrolle über ihr Gesicht zu viel Kraft kostete. Wenn etwas in ihr Raum verlangte, den sie ihm nicht geben wollte.
Kael kannte das mittlerweile. Er kannte es, weil er anfing, Lyra so zu lesen, wie er die Ströme las — nicht über die offensichtlichen Zeichen, nicht über schnelle Bewegungen oder gesprochene Worte. Über die Lücken. Über die Momente, in denen etwas fehlte, das hätte da sein sollen.
Edrin blickte ihr ebenfalls nach.
„Der Orden, der sie geformt hat", sagte er leise. „Er hat gerade seinen Stein verloren."
„Was bedeutet das für sie?"
„Dass ihr alter Feind nicht mehr schläft." Edrin brach ein Stück Brot ab, drehte es zwischen den Fingern und legte es wieder hin. „Die Nachtklingen sind gefährlich, solange sie geordnet handeln. Verzweifelt sind sie schlimmer. Sie werden Agenten in jede Stadt schicken, in jede Festung, jeden Hafen, jede Raststätte. Sie werden nach dem Stein suchen — und nach jedem, der etwas weiß."
„Nach Deserteuren."
„Nach Deserteuren besonders."
Die Stunde, die folgte, war die längste seit den Nebelmarken. Kael saß am Tisch und beobachtete die Straße. Reisende kamen, Reisende gingen. Gesichter, die er nicht kannte, Stimmen in Dialekten, die er nicht verstand. Er versuchte, in den Strömen etwas zu lesen — ein Muster, eine Auffälligkeit, irgendetwas, das ihm sagte, wer dort draußen sie beobachtete. Die Ströme zeigten ihm nichts. Sie reagierten auf Steine, auf Energie, auf die Maschine unter der Welt. Nicht auf Absichten. Nicht auf Menschen, die im Schatten standen und warteten.
Edrin schrieb in sein Notizbuch. Die gleichen schnellen, sicheren Striche wie am Abend zuvor. Aber seine Augen gingen immer wieder zur Straße, und seine Hand hielt zwischendurch inne, den Stift über dem Papier, als höre er etwas, das die Tinte nicht festhalten konnte.
„Edrin", sagte Kael leise. „Der Gravitas-Stein. Was bedeutet es, wenn ein Stein aus seiner Fassung genommen wird?"
„Dass das Netz schwächer wird." Edrin legte den Stift hin. „Der Sonnenkreis ist ein System. Sieben Punkte, jeder an seinem Platz. Wenn einer fehlt, kompensieren die anderen. Aber die Kompensation kostet Kraft — Kraft, die sie nicht haben."
Er blickte auf seine Hände. Alte Hände, fleckig, mit Tinte unter den Nägeln.
„Ein Stein weniger bedeutet sechs, die härter arbeiten. Stärkere Ströme, häufigere Stürme, größere Instabilität. Die Sonne flackert schon. Ein gestohlener Stein macht es schlimmer."
Kael dachte an Lyra. Stiller seit den Nebelmarken. Nachts wach, in die Dunkelheit horchend. Manchmal blieb sie stehen und sah sich um, nicht nach Wegen oder Spuren, sondern nach Schatten, die sich falsch bewegten. Sie hatte etwas bemerkt. Seit Tagen. Sie hatte es nicht gesagt.
„Sie weiß, dass jemand uns folgt", sagte Kael.
Edrin nickte langsam. „Ja. Das denke ich auch."
Sie kam nach einer Stunde zurück. Die Schatten im Hof hatten sich verschoben, die Sonnensegel warfen andere Muster auf die Tische, und die Händler am Nachbartisch waren längst gegangen. Lyras Gesicht war verschlossen, ihre Augen dunkel. Ihre Hände lagen an den Klingen — fester als vorher, die Finger enger um die Griffe. Kael bemerkte es, weil er jetzt auf ihre Hände achtete. Lyras Hände sagten, was ihr Gesicht verschwieg.
„Wir sollten weiter", sagte sie.
Kael fragte nicht. Edrin fragte nicht.
Sie gingen zurück auf die Straße, nach Süden. Die Sonne stand tiefer, der rote Schein am Horizont kräftiger als am Morgen. Die Pflastersteine glühten unter den Stiefeln, und die Schatten der Reisenden lagen lang auf dem heißen Stein. Die Menge nahm sie auf, drei Reisende unter Hunderten, auf dem Weg nach Solareth. Die goldenen Fäden liefen zwischen ihnen hindurch, unberührt, gleichgültig, Teil einer Welt, die größer war als Händler und Gerüchte und gestohlene Steine.
Hinter ihnen, irgendwo zwischen Stimmen, Staub und goldenen Fäden, folgte jemand.
Kapitel 3 - Die Hitze
Am sechsten Tag begann das Metall zu sprechen.
Kael bemerkte es zuerst an der Schnalle seines Beutels. Sie war warm geworden — nicht heiß, nicht schmerzhaft, aber wärmer, als Metall sein sollte, das den ganzen Tag im Schatten eines Rucksacks lag. Er legte den Finger darauf und spürte ein feines Summen, als vibrierte die Schnalle von innen.
Die Ströme des Ignis-Steins liefen durch das Metall. Durch jedes Metall, wie Kael im Laufe des Tages feststellte: durch die Schnallen an Lyras Klingen, durch die Nieten in Edrins Lederbeutel, durch die Hufeisen der Pferde auf der Straße. Metall war ein Leiter für den Ignis-Stein, so wie Stein ein Leiter für den Chrona-Stein gewesen war. Jeder Solarstein hatte sein Material. Seine Sprache.
Die Landschaft hatte sich verändert. Die trockene Erde des Vortages war dunklerem Gestein gewichen — vulkanischem Boden, rissig und porös, mit feinen Kristallen, die im Sonnenlicht funkelten. Erkaltete Lavaströme zogen sich durch das Gelände wie erstarrte Flüsse, ihre Oberflächen glatt und schwarz, ihre Ränder scharfkantig. Zwischen ihnen wuchsen Pflanzen, die Kael nicht kannte: niedrige Büsche mit dicken, wachsartigen Blättern und Blüten, die sich tagsüber schlossen und erst in der Dämmerung öffneten.
Karath Vul. Die Vulkanregion.
Die Luft flimmerte. Nicht vom Sonnenlicht, sondern von der Hitze aus dem Boden. Die Ströme unter ihren Füßen waren jetzt so dicht, dass Kael sie nicht mehr einzeln verfolgen konnte. Sie flossen als breite, rötlich-goldene Masse nach Süden, wie ein unterirdischer Fluss aus Energie, der alles über ihm erwärmte. Die Straße folgte diesem Fluss — oder der Fluss der Straße. Kael war sich nicht sicher, was zuerst dagewesen war.
Edrin ging langsam. Langsamer als gestern, langsamer als vorgestern. Die Hitze forderte ihn mehr als die anderen; er trank häufiger, atmete schwerer, und seine Haut hatte einen rötlichen Ton angenommen, der nichts mit Gesundheit zu tun hatte. Kael beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, während er die Ströme las. Die Art, wie Edrins Finger den Wanderstab umklammerten, war fester als nötig, als brauche er die Stütze, wolle es aber nicht zeigen. Der Schweiß an seinen Schläfen trocknete nicht, weil die Luft selbst feucht und schwer war.
Edrin beschwerte sich nicht. Edrin beschwerte sich nie. Das machte es schlimmer, weil Kael raten musste, wo die Grenze lag.
Als Kael ihm anbot, eine Pause zu machen, schüttelte Edrin nur den Kopf.
„Wir sind nah genug für einen Versuch", sagte er stattdessen.
„Einen Versuch?"
„Du hast am ersten Tag einen Strom gegriffen und dich verbrannt." Edrin blieb stehen und stützte sich auf den Wanderstab. Diesmal ganz, ohne es zu verbergen. „Hier sind die Ströme stärker. Dichter. Sie fließen in eine Richtung — zum Ignis-Stein. Wenn du lernen willst, mit ihnen zu arbeiten, ist das der richtige Ort."
Lyra drehte sich um. „Der richtige Ort war auch die offene Straße, und das Ergebnis war eine verbrannte Hand."
„Die Hand ist geheilt."
„Die nächste Verbrennung vielleicht nicht."
Edrin blickte sie ruhig an, ohne Ungeduld. „In Solareth wird Kael den Ignis-Stein spüren, ob er will oder nicht. Er wird stärker sein als alles, was er bisher erlebt hat. Wenn er nicht vorher lernt, die Ströme durchzulassen, wird ihn der Stein zerbrechen."
Lyra schwieg. Dann trat sie einen Schritt zur Seite und verschränkte die Arme. Kein Widerspruch. Aber ihre Augen sagten: Wenn er sich verletzt, bist du schuld.
Edrin akzeptierte das.
Sie verließen die Straße und gingen zu einer Stelle, an der ein erkalteter Lavastrom eine natürliche Mulde gebildet hatte — ein halbkreisförmiger Kessel aus schwarzem Gestein, geschützt vor den Blicken der Reisenden. Der Boden war warm. Die Luft roch nach heißem Stein und etwas Metallischem.
Hier waren die Ströme stärker als auf der Straße. Sie drückten aus dem Boden, dicht und heiß. Kael fühlte sie in den Knien, in den Hüften, in der Brust.
„Setz dich", sagte Edrin. „Hände auf den Boden."
Kael kniete sich hin und legte die Handflächen auf den schwarzen Stein. Heiß — nicht genug, um zu verbrennen, aber genug, um ihn daran zu erinnern, was unter der Oberfläche lag. Die Ströme reagierten sofort. Sie drängten gegen seine Hände, wollten hindurch, wollten ihn als Leitung benutzen, so wie sie das Metall als Leitung benutzten.
Sein Instinkt war, sich zu verschließen. Die Hände heben, die Ströme abweisen, eine Grenze ziehen. Genau das hatte er am ersten Tag getan: den Strom gegriffen, festgehalten, kontrolliert. Er hatte sich verbrannt.
„Nicht greifen", sagte Edrin. „Öffnen."
Kael atmete aus. Er versuchte, den Reflex zu ignorieren, der sagte: Schütz dich. Halt fest. Er stellte sich vor, seine Hände wären Tore statt Mauern. Offene Tore, durch die der Strom fließen konnte, ohne aufgehalten zu werden.
Die Ströme kamen.
Sie schossen durch seine Handflächen, durch seine Arme, durch seine Brust, mit einer Geschwindigkeit und einer Hitze, die ihm den Atem raubte. Es war anders als beim Chrona-Stein. Der Chrona-Stein hatte sich in ihn gelegt wie Wasser in ein Flussbett — sanft, kühl, suchend. Der Ignis-Stein stürmte. Er drückte sich durch jede Öffnung, füllte jeden Raum, verlangte jeden Zentimeter. Als hätte jemand eine Tür geöffnet und auf der anderen Seite habe ein Feuer gewartet, das nur diesen Spalt gebraucht hatte.
Kael keuchte. Seine Muskeln spannten sich an. Der Körper wollte sich verschließen, wollte die Tore zuschlagen, wollte die Kontrolle zurück. Aber er blieb offen.
Für drei Sekunden funktionierte es.
Die Ströme flossen durch ihn hindurch — hinein durch die Hände, durch den Körper, hinaus durch die Füße in den Boden. Ein Kreislauf. Keine Verbrennung, kein Schmerz. Nur Hitze, Bewegung, das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer war als er. Er konnte den Ignis-Stein spüren, deutlicher als je zuvor: eine Präsenz, riesig, glühend, lebendig. Und darunter, dahinter, für einen Atemzug, den Sonnenkreis — Linien, die vom Ignis-Stein zu den anderen Steinen liefen, ein Netz aus Energie, das den ganzen Kontinent überspannte.
Der Chrona-Stein hatte ihm Bilder gezeigt. Erinnerungen. Der Ignis-Stein zeigte keine Bilder. Er zeigte Kraft. Rohe, ungeformte Energie, die durch die Welt floss und alles antrieb: den Sonnenkreis, die Steine, die Maschine, die Sonne selbst. Der Chrona-Stein war das Gedächtnis der Maschine. Der Ignis-Stein war ihr Motor.
In der vierten Sekunde verlor er die Öffnung.
Sein Körper schloss sich reflexhaft, weil die Hitze eine Schwelle überschritten hatte, die er nicht kannte. Die Ströme prallten gegen die verschlossene Stelle und stauten sich. Der Stau wurde zu Schmerz. Brennend, stechend, durch den Brustkorb, und Kael kippte nach vorne.
Er riss die Hände vom Boden.
Die Ströme zogen sich zurück. Die Hitze blieb — in den Armen, in der Brust, hinter den Augen. Kael kniete auf dem schwarzen Stein und atmete schwer. Die Welt schwankte.
Lyra war neben ihm. Schnell, lautlos, wie immer, wenn etwas schiefging. Ihre Hand lag auf seinem Rücken, kühl durch den Stoff. Der Druck war fest, gleichmäßig. Nicht tröstend — stabilisierend. Lyra tröstete nicht. Lyra hielt.
„Atmen", sagte sie.
Er atmete.
Edrin kniete auf der anderen Seite. Besorgt, aber auch — und Kael bemerkte es selbst durch den Schmerz — aufgeregt. Die Augen leuchteten. Er hatte etwas gefunden, das die Theorie bestätigte, und diese Entdeckung war stärker als die Sorge. Kael fragte sich, ob Edrin das jemals ablegen würde. Er hoffte, dass nicht.
„Wie lange?", fragte Edrin.
„Drei Sekunden." Kaels Stimme war rau. „Vielleicht vier."
„Was hast du gespürt?"
„Den Ignis-Stein. Den Sonnenkreis. Die Verbindungen." Kael richtete sich auf. Der Schmerz in der Brust verblasste schneller als beim ersten Mal, als hätte sein Körper gelernt, sich schneller zu erholen. „Er ist der Motor, Edrin. Der Chrona-Stein ist das Gedächtnis, der Ignis-Stein ist der Motor. Er treibt alles an."
Edrin wurde still. Die Aufregung wich etwas Schwerem, Tiefem. Dreißig Jahre hatte er diese Theorie getragen. Dreißig Jahre hatte ihm niemand geglaubt. Jetzt kniete ein junger Kartograph auf schwarzem Stein und sagte ihm, dass er recht hatte. Edrins Hände zitterten. Kael sah es — das feine Beben in den Fingerspitzen, das bei Edrin kam, wenn die Emotion zu groß wurde für den Körper, der sie trug.
„Die Energiequelle", sagte Edrin leise. „Deshalb wurde Solareth dort gebaut. Die Stadt steht dort, weil der Ignis-Stein die Energiequelle des Sonnenkreises ist. Die Sonnenwacht bewacht den Motor der Maschine."
„Wissen sie das?"
„Nein. Sie wissen, dass der Stein mächtig ist. Sie wissen, dass er die Sonnenstürme verursacht. Aber sie wissen nicht, warum." Edrin stand auf und klopfte Staub von seinen Knien. Langsam, steif, die Gelenke protestierten. „Wenn wir es ihnen sagen, werden sie es nicht hören wollen."
Kael sah auf seine Hände. Keine Rötung diesmal. Die Ströme waren durchgeflossen, ohne die Haut zu verbrennen. Aber die Stellen, an denen sich neue Leitungen gebildet hatten, summten leise — feine Kanäle im Körper, dort, wo die Energie gelaufen war. Mehr als beim ersten Mal. Das Netz in ihm wuchs.
Er ballte die Fäuste, öffnete sie wieder. Die Leitungen summten, bereit für den nächsten Versuch.
Sein Körper wollte mehr.
Der Gedanke erschreckte ihn weniger, als er sollte.
„Noch einmal?", fragte er.
„Nein." Edrin schüttelte den Kopf. „Nicht heute. Dein Körper braucht Zeit, um die neuen Leitungen zu stabilisieren. Zu viel zu schnell, und sie reißen."
„Was passiert, wenn sie reißen?"
Edrin antwortete nicht. Sein Blick sagte genug.
Lyra stand auf und blickte nach Süden. Der rote Schein am Horizont war stärker geworden — deutlich stärker als am Morgen. Ein Viertel des südlichen Himmels glühte, selbst im Tageslicht sichtbar.
„Wie weit noch?", fragte sie.
„Zwei Tage", sagte Edrin. „Vielleicht drei."
Lyra sah den roten Horizont. Dann drehte sie sich um und blickte zurück, über die Straße, über die Felsen, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Kael beobachtete ihren Blick. Er wusste, was sie suchte. Nicht die Landschaft. Nicht den Weg zurück.
Den Schatten, der ihnen folgte.
„Zwei Tage", sagte Lyra. „Das reicht."
Sie sagte nicht, wofür. Aber ihre Finger berührten die Klingen an ihren Seiten — kurz, beiläufig, eine Versicherung, dass die Werkzeuge noch dort lagen, wo sie hingehörten.
Sie gingen zurück zur Straße, weiter nach Süden. Die Hitze nahm zu. Der rote Schein wurde stärker. Edrin ging wieder langsamer, doch er hielt den Blick auf Solareth gerichtet, als habe Kaels Erkenntnis ihm für eine Weile mehr Kraft gegeben, als sein Körper besaß. Lyra ging neben ihnen, stiller als zuvor, und sah öfter zurück, ohne den Kopf ganz zu wenden.
In Kaels Brust summten die neuen Leitungen, fein, warm, bereit. Sein Körper wollte mehr. Die Maschine unter der Welt wollte mehr. Mit jedem Schritt nach Süden wurde der Unterschied zwischen beiden dünner.
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