Welt von Aeryndor
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Das erwachende Fragment

Kapitel 1 - Der Kartograph

Der Lareth hatte seinen Lauf wieder verändert.

Kael Ardyn betrachtete die Linie auf dem Pergament, zog sie mit dem Blick nach Süden, dann zurück. Zu weit. Er wusste es, noch bevor er das Tuch herausholte und vorsichtig über die frische Tinte tupfte. Die Linie verschwand fast, ein blasser Schatten ihrer selbst. Er setzte die Feder neu an. Diesmal folgte der Strich dem richtigen Weg — sanft ostwärts gebogen, so wie der Fluss es selbst getan hatte, als die Schneeschmelze im Frühjahr das Unterland geflutet und sich einen neuen Arm gegraben hatte.

Draußen erwachte Arkend. Er hörte es mehr, als er es sah: das Knarren von Holzrädern auf dem Pflaster, das Murmeln früher Händlerstimmen, irgendwo das Schlagen einer Axt. Der Geruch von Brot und Honig hing schon in der kühlen Luft und drang selbst durch das geschlossene Fenster. Die Nacht hatte Regen gebracht, das Pflaster unten würde noch stundenlang feucht sein. Kael mochte diesen Geruch. Nasse Steine und frisches Brot — er kannte ihn seit Kindheitstagen. Er hätte ihn nicht einmal bemerken müssen, um sich von ihm beruhigen zu lassen.

Er bemerkte ihn trotzdem. Heute mehr als sonst.

Die Kerze neben ihm war fast heruntergebrannt, ein kleiner Stumpen, der im eigenen Wachs ertrank. Er hatte vergessen, eine neue zu holen. Wieder. Das Licht, das jetzt durch das Fenster fiel, war blass und grau, kaum besser als die Kerze, aber es reichte. Er kannte diese Karte auswendig. Jeden Hügel, jede Siedlung, jeden Weg, den er selbst nie gegangen war.

Das war das Merkwürdige an seiner Arbeit, hatte sein Vater einmal gesagt. Du zeichnest Orte, die du nicht kennst, und die Menschen, die sie kennen, vertrauen dir trotzdem.

Kael hatte damals nicht gewusst, ob das ein Kompliment gewesen war.

Er setzte die Feder ab und streckte den Rücken durch. Die Wirbelsäule knackte an zwei Stellen. Zu viele Stunden, zu wenig Schlaf — das war keine neue Kombination. Er rieb sich die Augen, stand auf und trat ans Fenster. Tinte klebte an seinen Fingern, wie jeden Morgen. Manche Flecken wuschen sich nie ganz heraus. Sie gehörten zu seinen Händen wie die Schwielen vom Federkiel.

Unten öffnete sich der Marktplatz. Händler spannten ihre Planen, Frauen schleppten Körbe, ein Junge trieb zwei widerspenstige Ziegen zwischen den Ständen hindurch. Das gewöhnliche morgendliche Treiben einer Stadt, die sich selbst für unspektakulär hielt. Zweitausend Menschen, ein Fluss, eine alte Mauer, die kaum mehr abwehrte als den Wind. Karawanen hielten hier über Nacht und reisten am nächsten Morgen weiter, als hätte die Stadt sie nur kurz aufgehalten.

Kael legte die Stirn an das kalte Glas und schloss für einen Moment die Augen.

Er hatte nie verstanden, warum ihn das störte. Die Durchreisenden, die nie blieben. Die Karten, die er von Orten zeichnete, die er nie gesehen hatte. Lythar mit seinen weißen Türmen, die er einmal als Kind gesehen und danach nur noch auf Pergament kannte. Es war keine Sehnsucht — eher das dumpfe Bewusstsein einer Lücke. Als würde er immer von außen auf etwas schauen, das andere von innen erlebten.

Seine Hand lag still auf dem Fensterglas. Auf dem Pergament hinter ihm — er sah es, ohne sich umzudrehen, weil er solche Dinge inzwischen aus den Augenwinkeln wahrnahm — bewegte sich ein goldener Faden.

Kael seufzte, drehte sich um. Der Faden zog sich über die Karte wie eine Ader aus flüssigem Licht, folgte dem Verlauf der Berge, verlangsamte sich an einer eingezeichneten Furt und glitt dann weiter nach Norden. Ruhig. Gleichmäßig.

Bis auf das leichte Zittern.

Das war neu.

Kael trat näher. Normalerweise bewegten sich die Ströme wie tiefes Wasser — langsam, beharrlich, ohne Eile. Seit er ein Kind gewesen war, hatte er sie gesehen, diese Linien, die sich durch die Welt zogen wie Adern durch einen lebendigen Körper. Sein Vater hatte gelacht, als er ihm davon erzählt hatte. Du hast die Augen eines Träumers. Kein böses Lachen — aber auch kein glaubendes. Danach hatte Kael nicht mehr darüber gesprochen. Mit niemandem. Die Ströme blieben sein Geheimnis, sein stilles Wissen, die Sache, die ihn von den zweitausend Menschen in Arkend trennte, ohne dass einer von ihnen es ahnte.

Heute zitterte der Strom.

Kael beobachtete ihn eine Weile, die Arme vor der Brust verschränkt. Irgendwo tief in ihm meldete sich ein Unbehagen, das er nicht benennen konnte — als zupfe jemand an einer Saite, von der er nie gewusst hatte, dass er sie besaß.

"Kael!"

Er ging zum Fenster. Unten auf der Straße stand Maren, der Bäcker. Breitschultrig, mehlverschmiert, die Arme verschränkt, als warte er schon zu lange.

"Ist sie fertig?"

Kael lehnte sich aus dem Fenster. "Fast."

"Das hast du gestern auch gesagt."

"Gestern war ich noch nicht fertig."

Maren schnaubte. "Meine Frau will wissen, ob der neue Weg am Lareth sicher ist. Wenn sie nächste Woche zu ihrer Schwester fährt und der Wagen versackt, bin ich schuld. Frage lieber nicht, warum."

"Sag ihr, sie soll die alte Furt meiden. Der Fluss hat sich verschoben, der Boden dort ist weich." Kael verschwand vom Fenster, rollte die Karte zusammen und kam die Treppe herunter.

Draußen nahm Maren die Karte mit einer Sorgfalt entgegen, die Kael immer ein wenig überraschte. Männer wie Maren — Hände wie Schaufeln, Stimmen wie Holzhämmer — behandelten Pergament oft wie Werkzeug. Aber der Bäcker entrollte sie langsam, hielt sie ruhig, ließ den Blick wandern.

"Du hast den neuen Arm eingezeichnet."

"Ja. Der Weg, der jetzt noch auf alten Karten steht, führt direkt durch das Überschwemmungsgebiet."

Maren nickte langsam. Dann griff er in seine Ledertasche und warf Kael einen kleinen Beutel zu. Die Münzen klirrten satt.

"Gut gemacht." Er rollte die Karte wieder zusammen, dann sah er Kael kurz an — kein langer Blick, aber ein aufmerksamer. "Du siehst müde aus."

"Ich bin immer müde."

"Daran könnte man etwas ändern." Der Bäcker zuckte mit den Schultern. "Nur eine Beobachtung."

Er ging zurück zu seinem Laden, ohne auf eine Antwort zu warten.

Kael blieb auf der Straße stehen. Der Münzbeutel lag schwer in seiner Hand, schwerer als er aussah. Er steckte ihn in die Manteltasche, ohne nachzuzählen.

Der Marktplatz war inzwischen voller geworden. Kinder liefen zwischen den Ständen hindurch, irgendwo spielte jemand auf einer Flöte eine einfache Melodie, aus der Schmiede am Ende der Gasse klang das gleichmäßige Hämmern eines frühen Arbeitstages. Arkend nahm seinen gewohnten Lauf.

Kael hob den Blick zum Himmel.

Die Sonne hing hinter einer dünnen Schicht grauer Wolken. Blass, fast weiß. Dann — so kurz, dass er nicht sicher war, ob er es sich eingebildet hatte — ein Flimmern. Ein feiner Riss im Licht, kaum breiter als ein Faden. Dann war er weg.

Kael ließ den Blick sinken.

Hinter seinen Rippen saß etwas Kaltes. Kein Schmerz. Eher das Gegenteil — eine Art Stille, wie die Sekunde vor einem Donner. Er wusste nicht, warum. Aber der Strom auf seiner Karte hatte heute Morgen gezittert. In all den Jahren hatte er das noch nie gesehen.

Kapitel 2 - Die Beobachterin

Der Regen hatte die Stadt leergeräumt.

Lyra Veyne beobachtete, wie die letzten Händler ihre Planen über die Stände spannten und fluchend das Weite suchten. Innerhalb weniger Minuten war die Straße vor ihr still geworden — nur das gleichmäßige Trommeln des Regens auf Ziegeln und Pflastersteinen, das Rauschen des Wassers in den Dachrinnen. Sie kannte dieses Geräusch. Regen war gut. Regen tilgte Schritte, schluckte Geräusche, hielt die Menschen drin.

Sie bewegte sich nicht. Das Wasser sickerte durch die Schichten ihres Umhangs und sammelte sich in der Vertiefung ihrer Kapuze, bis es über den Rand lief. Kalt. Gleichmäßig. Sie ließ es laufen. Kälte war eine Empfindung wie jede andere — man nahm sie zur Kenntnis und legte sie beiseite. Das hatte der Orden sie gelehrt, als Erstes und am gründlichsten: dass der Körper kein Freund war, den man hätschelte. Ein Werkzeug, das man beherrschte.

Vier Tage. So lange ging sie diesem Auftrag schon nach.

Das war zu lang. Lyra wusste es. Für einen Auftrag dieser Art — Beobachten, Bestätigen, Beseitigen — hätte ein Tag gereicht. Vielleicht zwei. Aber sie hatte gewartet, ohne sich selbst genau erklären zu können, warum. Ihre linke Hand lag auf dem Oberschenkel, die Finger eine Handbreit von der Klinge entfernt. Locker. Bereit. Immer bereit. Die Hand wusste, wo die Klinge war, auch wenn Lyra an etwas anderes dachte.

Ihr Blick ruhte auf dem erleuchteten Fenster gegenüber.

Kael Ardyn. Kartograph. Dreiundzwanzig Jahre alt, Waisenkind, lebte allein in einem schmalen Haus nahe der alten Stadtmauer. Schulden: keine. Feinde: keine bekannten. Verbindungen zu politischen Gruppen oder Geheimbünden: keine. Die Liste dessen, was diesen Mann gefährlich machen sollte, war erschreckend kurz. So kurz, dass Lyra den Auftrag beim ersten Briefing noch einmal hatte durchlesen müssen, um sicherzugehen, dass sie keine Seite übersehen hatte.

Sie hatte keine übersehen. Ein Kartenzeichner. Der Orden der Nachtklingen hatte Generäle beseitigt. Handelsherren, deren Netzwerke halbe Königreiche unterwandert hatten. Einmal eine Gelehrte, die etwas aufgeschrieben hatte, das sie besser für sich behalten hätte. Lyra hatte selten verstanden, warum jemand sterben musste. Sie hatte gelernt, dass das Verstehen nicht ihre Aufgabe war.

Aber dieser hier störte sie.

Sie griff unter den Umhang und zog das Messer heraus. Die Klinge war dunkel, perfekt ausbalanciert, ohne jede Verzierung. Der Griff lag in ihrer Hand wie immer — vertraut, zuverlässig, ohne Meinung. Das Messer hatte keine Zweifel. Das Messer fragte nie, warum. Lyra ließ es zwischen den Fingern drehen.

Ein sauberer Schnitt. Durch die Kehle, von links nach rechts, leicht schräg abwärts — er würde keinen Laut von sich geben. Schnell, ruhig, ohne unnötigen Schmerz. So hatte der Orden sie ausgebildet: professionell, präzise, ohne Grausamkeit. Wir töten nicht aus Freude, hatte Meisterin Vor gesagt, als Lyra noch jung gewesen war und geglaubt hatte, dass dieser Satz sie beruhigen würde. Wir töten aus Notwendigkeit.

Lyra hatte damals gefragt, wer entscheide, was notwendig sei. Sie hatte keine Antwort bekommen. Stattdessen eine Woche Strafübungen.

Sie hörte auf, das Messer zu drehen.

Drüben saß der Kartograph an seinem Tisch und zeichnete. Das Kerzenlicht flackerte leicht im Luftzug, warf seinen Schatten schräg gegen die Wand. Von hier oben konnte sie nicht erkennen, was er zeichnete, aber seine Bewegungen waren gleichmäßig, konzentriert — die Bewegungen von jemandem, der seine Stille, seinen Tisch, seine Arbeit kannte und nichts anderes brauchte. Er wirkte so vollständig in dem, was er tat, dass Lyra einen Moment lang beinahe vergaß, warum sie hier war.

Dann hielt er inne. Seine Hand erstarrte über dem Pergament.

Lyra richtete sich leicht auf. Der Kartograph beugte sich näher über den Tisch, als hätte er etwas bemerkt, das dort nicht hingehörte. Er legte die Feder beiseite, langsam, mit einer Sorgfalt, die nach Wiedererkennen aussah — als begrüße er etwas, das er schon kannte, dem er aber nie ganz traute.

Er stand auf und trat ans Fenster.

Lyra erstarrte. Reflexartig. Doch sein Blick richtete sich nicht auf das Dach gegenüber, nicht auf die Straße — er ging nach oben. Direkt in den Regen, durch die grauen Wolken hindurch, als suche er etwas hinter dem Himmel selbst.

Sie folgte seinem Blick automatisch. Der Himmel war grau und leer. Wolken und Regen, sonst nichts. Doch Kael Ardyn starrte weiter. Sein Gesicht hatte sich verändert — eine Konzentration, die weder Angst noch Staunen war, als versuche er, etwas sehr Feines in einem Rauschen zu hören. Der Blick eines Menschen, der etwas wahrnahm, das andere nicht wahrnahmen.

Lyra ließ das Messer sehr langsam sinken.

Sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn einmal an einem Mann in Solareth gesehen — einem alten Händler, der angeblich Sonnenstürme vorausgesagt hatte, drei Stunden bevor sie einsetzten. Der Orden hatte ihn für verrückt gehalten. Lyra hatte damals geschwiegen. Der Händler war eines natürlichen Todes gestorben, bevor der Auftrag bestätigt worden war, und sie hatte nie erfahren, was er wirklich gesehen hatte.

Kael trat vom Fenster zurück. Er sah wieder auf seine Karte. Dann auf seine Hand. Als hätte er eine Verbindung bemerkt, die er sich nicht erklären konnte.

Lyra steckte das Messer weg.

Der Regen trommelte weiter, gleichmäßig, geduldig. Unter ihr rann Wasser in kleinen Strömen über die Dachziegel und fiel tropfend in die Tiefe. Die Straße war leer. Das Fenster gegenüber war das einzige Licht weit und breit.

Sie dachte an den Auftrag. An die klare, beiläufige Stimme ihres Führers, der ihr Kael Ardyns Namen genannt hatte wie eine Kleinigkeit. Ein Kartograph in Arkend. Keine Komplikationen. Keine Erklärung.

Das war üblich. Lyra hatte gelernt, das Warum loszulassen. Aber die Art, wie dieser Mann zum Himmel gesehen hatte — als würde der Himmel zurückschauen — ließ sich nicht so einfach ablegen.

Sie schloss kurz die Augen. Der Regen fiel. Die Stadt schwieg. Irgendwo in einer Seitengasse trottete eine Katze durch die Pfützen und verschwand im Dunkel.

Der Orden weiß etwas, dachte Lyra. Sie haben mir nicht gesagt, was.

Das war nichts Neues. Doch heute störte es sie mehr als sonst.

Sie öffnete die Augen und ließ den Blick auf das erleuchtete Fenster ruhen. Der Kartograph war wieder an seinen Tisch zurückgekehrt, die Feder in der Hand, den Kopf gesenkt. Äußerlich unverändert. Ein gewöhnlicher Mann in einem gewöhnlichen Haus in einer gewöhnlichen Stadt.

Lyra wusste, dass das eine Lüge war. Sie wusste nur noch nicht, wessen.

Kapitel 3 - Der fallende Stern

Kael hatte sich vorgenommen, nicht mehr zum Himmel zu sehen.

Er saß seit dem frühen Morgen am Tisch, die Feder in der Hand, eine neue Karte vor sich ausgebreitet — die Küstenregion nördlich von Lythar, ein Auftrag von einem Händler, der schon seit zwei Wochen wartete. Normalerweise hätte ihn die Arbeit geerdet. Die gleichmäßige Bewegung der Feder über das Pergament, das leise Kratzen der Tinte, die langsam entstehende Welt aus Linien und Namen. Das war sein Ort. Hier war er sicher.

Heute glitt sein Blick alle paar Minuten zum Fenster. Er zwang ihn zurück auf die Karte.

Die Ströme waren noch immer unruhig. Sie waren da, auch ohne hinzusehen — ein leises Vibrieren, das sich durch seine Handflächen in den Tisch übertrug, als drücke irgendwo in der Tiefe etwas gegen die Wände eines Beckens. Er kannte diese Ströme seit seiner Kindheit. Seit dem Tag, an dem er eine Karte berührt und plötzlich gewusst hatte, dass die Linien darauf lebten — unter dem Papier, dahinter, irgendwo in der Welt selbst.

Normalerweise bewegten sie sich gleichmäßig. Ruhig, wie tiefes Wasser. Heute nicht.

Er tupfte eine misslungene Linie aus und begann sie neu. Konzentrierte sich auf den Verlauf der Küste, auf die kleinen Häfen, die Fischerdörfer, die manche Karten nicht einmal für nennenswert hielten. Jeder Ort zählt, hatte sein Vater gesagt. Irgendwer lebt dort. Kael hatte diese Überzeugung übernommen — eine der wenigen Dinge, die geblieben waren.

Ein Klopfen.

"Offen", rief er, ohne aufzublicken.

Die Tür öffnete sich. Joren trat herein. Der Tavernenbesitzer war groß, breitschultrig, mit einem Bart, in dem immer irgendwas klebte — heute sah es nach Mehl aus. Er trug seine lederne Schürze und die Miene von jemandem, der schon seit einer Stunde etwas sagen wollte und noch nicht entschieden hatte, wie.

"Du siehst aus wie jemand, der die Nacht wach gelegen hat."

"Ich habe geschlafen."

"Wann?"

Kael legte die Feder hin. "Was willst du, Joren?"

Der Tavernenbesitzer zog einen Hocker heran und setzte sich, ohne gefragt zu haben. Das war seine Art — er fragte nie, ob er stören durfte, weil er grundsätzlich davon ausging, dass seine Gesellschaft willkommen war. Meistens hatte er recht. Heute störte es Kael, und er sagte nichts.

"Die Gäste reden", sagte Joren.

"Die Gäste reden immer."

"Heute reden sie über den Himmel." Joren lehnte die Ellbogen auf die Knie und sah Kael direkt an. "Schon gestern Abend. Ein Händler aus dem Norden sagte, er habe auf der Straße nach Arkend etwas gesehen. Ein Leuchten, das er nicht einordnen konnte. Zu früh für einen Stern, zu ruhig für Wetterleuchten."

Kael schwieg.

Joren betrachtete ihn.

"Du weißt etwas."

"Ich zeichne Karten."

"Das beantwortet meine Frage nicht." Der Tavernenbesitzer stand wieder auf und trat zum Fenster. Der Marktplatz lag im blassen Morgenlicht, Händler bauten ihre Stände auf, Kinder liefen zwischen den Buden hindurch, irgendwo stritt eine Frau lautstark mit einem Gemüsehändler über Zwiebeln. Gewöhnliche Dinge. Joren betrachtete sie kurz, dann hob er den Blick zum Himmel.

"Der sieht seltsam aus", sagte er leise.

Kael stand auf und trat neben ihn.

Die Sonne stand klar im Morgenblau — keine Wolken, kein Dunst. Trotzdem wirkte ihr Licht abgeschwächt, als läge eine hauchdünne Membran zwischen ihr und der Welt. Kael kniff die Augen zusammen. Auf der Karte hinter ihm pulsierten die Ströme stärker als je zuvor. Er fühlte es ohne hinzusehen.

"Ja", sagte er.

Joren sah ihn an. "Ja — du siehst es auch? Oder ja — du wusstest es schon?"

Kael antwortete nicht.

Joren seufzte. "Du bist der merkwürdigste Mensch in dieser Stadt, Ardyn. Weißt du das?"

"Das sagen viele."

"Weil es stimmt." Der Tavernenbesitzer klopfte ihm kurz auf die Schulter — eine unerwartete Geste, fast väterlich. "Komm heute Abend rüber. Iss etwas. Du arbeitest dich noch zu Tode über diesen Karten."

Er wollte gehen. Dann blieb er stehen. Sein Blick war nach oben gegangen.

"Kael."

Etwas in seiner Stimme ließ Kael sofort zum Fenster treten.

Der Riss war zurück.

Diesmal kein flüchtiges Flimmern, kein feiner Faden, den vielleicht nur er sah. Er war sichtbar. Deutlich. Eine goldene Linie, die sich durch das Licht der Sonne zog wie ein Sprung in einer Glasscheibe, die noch nicht weiß, dass sie brechen wird. Auf dem Marktplatz hatte jemand aufgeschrien. Dann mehrere. Menschen hielten inne, blickten nach oben, zeigten mit den Fingern, redeten durcheinander.

Kael spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte.

Er hatte diesen Riss gestern gesehen. Er allein. Für einen Augenblick. Er hatte sich gefragt, ob er sich die Dinge einbildete, ob die schlaflosen Nächte seinen Verstand trübten, ob er anfing, wie jemand zu werden, dem man irgendwann sanft riet, weniger Zeit allein in kleinen Räumen zu verbringen.

Jetzt sah es die ganze Stadt.

Die Ströme auf seiner Karte zitterten heftig — es kam durch den Boden, durch seine Stiefel, wie eine feine Erschütterung, die nichts mit der Erde zu tun hatte. Die Energie der Welt, die normalerweise in gleichmäßigen Bahnen floss, begann zu taumeln.

Der Riss wurde breiter.

Joren flüsterte etwas. Kael hörte es nicht. Er starrte nach oben und sah, wie die goldene Linie auseinanderriss — langsam, qualvoll langsam, wie Stoff, der unter zu viel Spannung nachgibt. Ein Geräusch hallte durch die Luft. Kein Donner. Eher das Geräusch von etwas Altem, das endlich nachgibt. Kael dachte unwillkürlich an das Eis auf dem Fluss im Frühjahr — dieses tiefe, dunkle Knacken, kurz bevor die ersten Risse durchliefen.

Dann brach das Licht auseinander.

Aus dem Riss löste sich ein Punkt aus weißem Feuer. Zuerst kaum größer als ein Stern, doch er wuchs, schnell, zu schnell — plötzlich war er kein Punkt mehr. Eine Kugel aus brennendem Gold, die sich aus dem Himmel löste und fiel.

Die Ströme explodierten.

Kael taumelte zurück. Kein körperlicher Stoß — nichts berührte ihn — aber durch seine Hände, seinen Brustkorb, hinter seinen Augen lief eine Welle, als wäre er selbst das Wasser, in das jemand einen Stein geworfen hatte. Die goldenen Linien, die er seit Kindheitstagen kannte, rissen aus ihren Bahnen. Sie wirbelten, kolliderten, pulsierend und wild — wie ein Fluss, dessen Ufer gebrochen ist.

Kael griff nach dem Fensterbrett und hielt sich fest.

Draußen schrien die Menschen. Die Feuerkugel raste durch den Himmel und riss eine glühende Spur hinter sich her. Sie wurde größer und heller mit jeder Sekunde, bis ihr Licht alles andere übertraf — Sonne, Morgen, die vertrauten Farben der Stadt — dann verschwand sie hinter den nördlichen Hügeln.

Stille. Absolut. Vollständig.

Dann bebte die Erde.

Das Fenster klirrte. Joren griff instinktiv nach der Wand. Irgendwo im Haus fiel etwas um, auf dem Marktplatz stoben Vögel in einem schwarzen Schwarm aus den Dächern und schrien in den Himmel. Der Donner des Einschlags rollte langsam über das Land — tief, dumpf, ein Ton, der in den Rippen saß, im Bauch, in den Zähnen.

Dann war es vorbei.

Kael ließ das Fensterbrett los. Seine Finger hatten weiße Abdrücke auf dem Holz hinterlassen.

Auf dem Marktplatz bewegte sich niemand mehr. Händler, Kinder, Reisende, die alte Frau mit den Zwiebeln — alle standen und sahen nach Norden, wo hinter den Hügeln langsam eine schwarze Rauchsäule in den Himmel stieg. Breit, dunkel, mit einem rötlichen Schimmern an ihrer Basis, als würde dort unten noch etwas brennen.

Joren stand neben ihm und sagte lange nichts.

"Was war das?", sagte er schließlich.

Kael antwortete nicht sofort. Die Ströme hatten sich wieder beruhigt — nicht vollständig, aber das wilde Taumeln war vorbei. Sie flossen wieder, alle in dieselbe Richtung. Nach Norden.

Kael kannte die alten Chroniken. Er hatte sie als Kind gelesen, später noch einmal, dann immer wieder, in schlaflosen Nächten über Karten gebeugt. Er wusste, was dieses Ereignis bedeutete. Jeder Teil seines Verstandes, der sich auf Fakten und Texte und die ruhige Logik von Karten stützte, sagte ihm, was gerade vom Himmel gefallen war.

Einen Augenblick lang wünschte er, er würde es nicht wissen.

"Ich weiß es nicht", sagte er.

Die erste Lüge, die er Joren je erzählt hatte. Sie schmeckte nach Tinte und Staub, nach verschlossenen Truhen, nach dem Gewicht von Dingen, die man besser für sich behielt. Kael spürte sie im Mund, noch als Joren ihn von der Seite ansah — kurz, scharf, mit dem Blick von jemandem, der Lügen erkannte, weil er ein Leben lang welche gehört hatte.

Dann nickte Joren langsam und sagte nichts.

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